„Eine Chance für beide Seiten“
28.02.2026
Ein Artikel des Münchner Merkur vom 24.02.2026
Quelle: Tobias Hell/ © Münchner Zeitungsverlag
Foto: © Jakob Schab
„Eine Chance für beide Seiten“
Wenn die Menschen nicht den Weg zur Kunst finden, muss die Kunst eben zu den Menschen kommen. Genau dafür gibt es an der Münchner Hochschule für Musik und Theater den sogenannten Opernbus. Ein Projekt, bei dem Studierende Schulen, Kitas, Kliniken oder Altenheime besuchen, um mit interaktiven Formaten ein bisschen Abwechslung in den Alltag zu bringen. „Es ist immer eine sehr offene Atmosphäre. Gerade bei den Jugendlichen“, sagt die künstlerische Leiterin Doris Heinrichsen. Doch der jüngste Ausflug ist selbst für sie eine neue Erfahrung. Schließlich ging es für den Opernbus erstmals in die Frauenabteilung der JVA Stadelheim.
Leuchtende Gesichter bei der Abschluss-Show
Vorarbeit wurde zunächst an der Hochschule geleistet, wo man die Studierenden auf den Besuch hinter Gittern einstimmte. Mit denselben Kennenlern-Spielen, die wenige Tage später auch in Stadelheim das Eis brechen sollen: zusammen den Raum erkunden, sein Gegenüber wahrnehmen und bei einer Runde Bodypercussion einen gemeinsamen Rhythmus finden. „Am Anfang sind alle immer etwas gehemmt. Aber sobald der erste Fehler passiert und man zusammen darüber lacht, merken alle, dass es einem nicht peinlich sein muss.“
„Wir gehen optimistisch und mit Haltung rein“: Der Opernbus der Musikhochschule um Doris Heinrichsen (2.v.re.) machte
Station in Stadelheim.
Foto: Jakob Schad
Der Teamgeist ist beim ersten Workshop daher schnell gefunden, wo die Studis Erfahrungen über vergangene Projekte austauschen, Ideen entwickeln und darüber diskutieren, welche Formate sich für Laien am besten anbieten. Denn ja: Selbst angehende Sängerinnen und Sänger stolpern manchmal noch im ersten Anlauf, wenn sie plötzlich tanzen oder trommeln sollen. Genau wie der neutrale Presse-Beobachter, der sich zur Recherche selbst unter die Gruppe mischt. Mit dabei ist da unter anderem Francesca Berardi, die neben Klavier auch Philosophie studierte und nun ihre beiden Leidenschaften vereint. „Ich finde es wichtig, dass wir nicht nur unsere Musik machen, sondern auch Interesse dafür zeigen, was in der Welt passiert. Ich habe Freundinnen, die mir schon von solchen Aktionen erzählt haben, weshalb ich sofort Ja gesagt habe. Ich denke, dass wir hier nicht nur selbst lernen, sondern tatsächlich etwas verändern können.“ Diese Einstellung teilt auch Emanuel Brennich, der Musik auf Lehramt studiert und ebenfalls nicht lange überredet werden musste. „Ich gehe da ganz optimistisch mit der Haltung rein, den Inhaftierten auf Augenhöhe zu begegnen, und sehe es als Chance für beide Seiten. Wir alle haben unsere individuellen Talente, die wir mitbringen. Und jetzt können wir als Gruppe etwas machen, das uns verbindet.“ Dass an Kreativität offenbar kein Mangel herrschte, zeigt zwei Wochen später die gemeinsame Abschluss-Show, die man in der JVA vor einem handverlesenen Publikum zeigt. Kleine humoristische Sketche, die aus Ideen der Mitwirkenden entwickelt wurden. Ein bisschen Percussion und natürlich viele Lieblingslieder. Die Impro-Oper, bei der aus Zurufen des Publikums spontan ein skurriles Duett für Sopran und Bariton entsteht, überlassen die Inhaftieren zwar lieber den klassisch Ausgebildeten, aber Platz ist hier zum Glück für alle Musikrichtungen. Wobei vor allem eine der jungen Frauen im Gedächtnis bleibt, die mit einem sehr persönlichen Rap in drei Sprachen ihre Seele öffnet. Ein Beweis für das gegenseitige Vertrauen, das im Verlauf des Workshops aufgebaut wurde. Und eine wichtige Erinnerung, dass das Leben manchmal schnell eine falsche Abzweigung nehmen kann. Sei es durch unglückliche Umstände oder wenn der Rückhalt von Freunden und Familie fehlt. Nach der Performance begeisterter Applaus und leuchtende Gesichter. Aber auch ein paar feuchte Augen. Denn kaltgelassen hat das Projekt niemanden. Weder die Inhaftierten noch die Studis, denen der emotionale Abschied sichtlich an die Nieren geht. „Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn es jetzt plötzlich vorbei ist und die Türen hinter uns ins Schloss fallen.“ Gesteht auch Doris Heinrichsen. „Wir dürfen wieder nach Hause, während die Menschen, die wir hier kennengelernt haben, bleiben müssen.“ Aber das, was sie gemeinsam erreicht haben, dürfte allen noch lange in Erinnerung bleiben. Artikel: Tobias Hell

Die Sketche und Szenen wurden während eines Workshops in der Musikhochschule entwickelt.
Foto: Jakob Schad